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Mythos Arlberg: Mehr als nur ein grandioser Freerider-Berg

Text: Bernhard Krieger

Sein Ruf in der Snowboarder- und Skifahrer-Szene ist mystisch. Der Arlberg gehört zu den berühmtesten Skibergen der Welt. Besser kann man sich kaum irgendwo auf ein Off-Piste-Abenteuer in den USA oder Kanada vorbereiten.

St. Anton, St. Christoph, Stuben, Zürs und Lech sind Superstars der Ski-Welt. Nirgendwo sonst in Österreich geht es internationaler zu. Der Ski-Club Arlberg hat Mitglieder aus 50 Nationen! Am 3. Januar 1901 wurde er als erster Ski-Club Österreichs im Hospiz auf dem Arlberg-Pass gegründet, mittlerweile zählt er weit über 7000 Mitglieder. Darunter Legenden wie Skischul-Pionier Hannes Schneider und Ex-Rennfahrer Karl Schranz sowie den aktuellen Weltcup-Slalomstar Mario Matt. Dazu gesellen sich viele Skifans aus England, Skandinavien und Übersee.

Gerade in den USA und in Kanada genießt „Stanton“ einen legendären Ruf. Von europäischen Skifahrern beneidete Heliski-Guides schwärmen mit funkelnden Augen von ihrer Zeit im österreichischen Tiefschnee-Dorado. In der Fußgängerzone von St. Anton trägt jeder zweite breite Powder-Latten auf den Schultern und Lawinenrucksäcke sind zum Glück die Regel, nicht die Ausnahme. St. Anton ist ein Schmelztiegel für Tiefschneefans jeglicher Nationalität und jeglichen Alters. „Hier kommen alle zusammen“, sagt Skilehrer Georg – die jungen Freerider und ältere Tourengeher wie er, die noch vom „Diafschneefoan“ sprechen und nicht vom „Powdern“.

Was „No Friends on a Powder Day“ bedeutet, weiß Georg aber auch. An Neuschneetagen ist morgens Eile geboten, sonst sind die Tiefschneehänge über St. Anton am Schindler Kar, Kapall, Mattun sowie am mittlerweile perfekt durch die neue Gondel-Station im Ort angebundenen Rendl-Gebiet schon verspurt. Dies ist die Kehrseite des Ruhms. Hat sich Frau Holle über Nacht mal wieder rund um den 2811 Meter hohen Valluga-Gipfel ausgetobt, kämpfen die Powder-Süchtigen auch oberhalb von Stuben an der Albona um jungfräuliche Hänge wie Halbstarke beim Feuerwehrball um die Dorfschönheit.

„Schlecht geplant ist schon verloren“, sagt Michael. Seit fünf Jahren führt er am Arlberg Gäste abseits der Pisten. Selbstverständlich immer mit Lawinenrucksack und kompletter Sicherheitsausrüstung. Wegen fehlender Ausrüstung, mangelnder Lawinenkenntnisse und Leichtsinn kommen jedes Jahr am Arlberg Wintersportler ums Leben. „Ortsunkundige sollten nie auf eigene Faust losziehen. Nicht nur, weil es gefährlich ist, sondern auch, weil die Guides die besten Hängen kennen“, sagt Georg.

Freeider-Traum und kulinarischer Hochgenuss

 

Wer sich nicht auskennt oder nicht gut geführt wird, kommt am Arlberg regelmäßig zu spät. Denn St. Anton ist voll von Tiefschneefahrern aus aller Welt. Viele junge Ski-Verrückte aus Amerika, Australien und Skandinavien jobben hier als Kellner, Zimmermädchen oder Aushilfen, nur um eine Saison am Arlberg verbringen zu können. Statt mit einem tirolerischen „Servus“ wird man deshalb auch schon mal mit „Hello“ begrüßt und manche Bedienung tut sich mit Deutsch etwas schwer.

Nach dem Skifahren feiert die englischsprachige Fraktion im „Krazy Kangaruh“. Das deutschsprachige Party-Volk singt derweil beim legendären Mooserwirt aus bestens geölten Kehlen heimische Après-Ski-Hits und hält sich irgendwann am Abend kollektiv für „Anton aus Tirol“. Der Mooserwirt ist Kult und in der Hochsaison rappelvoll mit Feierwütigen. Dennoch ist St. Anton kein Alpen-Ballermann. Es hat auch ruhige Cafés und Lounge-Bars wie das „ben.venuto“ im Kongress- und Spa-Zentrum Arlberg-well.come zu bieten oder das höchste Zweihauben-Restaurant der Alpen: Die Verwallstube in der Bergstation der Galzigbahn ist ein Pilgerziel für Gourmets, das Candle-Light-Dinner am Donnerstagabend für Romantiker ein Muss. Küchenchef Bernhard Neuhold begeistert nicht nur mit seinem Klassiker, der im Ganzen gebratenen Seezunge mit Blattspinat und Kartoffeln in Zitronenbutter. „Wir bieten bodenständige, gute Küche auf hohem Niveau“, sagt der Niederösterreicher.

Top Hotels und erlesene Weine

 

Auch in den Top-Hotels, wie dem Hospiz in St. Christoph, geht es trotz allem Luxus sportlich leger zu. In dem historischen Haus auf dem Arlbergpass geben sich Winter für Winter der europäische Adel, Industrielle, Stars und Sternchen ein Stelldichein. Dann ordern sie beim legendären Hospiz-Seniorchef Adi Werner sündhaft teure Bordeaux. Sein Großflaschen-Weinkeller mit über 5000 Bouteillen zählt zu den größten der Welt. 15 Liter fasst die Nebuchadnezar, die größte Weinflasche der Sammlung. Die wertvollste, eine 15-Literflasche Chateau Cheval Blanc 2000, kostet 48.000 Euro.

Günstiger, aber ebenfalls auf hohem Niveau, speist und trinkt man in der Hospiz-Alm, der Nobel-Skihütte des Relais & Chateau Hotels, in die man problemlos mit Skistiefeln stapfen kann. Allein für den luftigen Kaiserschmarrn mit Zwetschgen und einem Schuss Grand Marnier lohnt sich die Fahrt an den Arlberg. Auf flauschigen Schafsfellen und in Decken eingehüllt schlemmt man auf der Hospiz-Terrasse, blinzelt in die Sonne und schaut den vorbeifahrenden Skifahrern zu. Was will man mehr?

Akademie für Skilehrer

 

Die meisten raffen sich dann aber doch relativ flott wieder auf. Der Arlberg ist kein Revier für Hütten-Hocker, sondern für leidenschaftliche und sportliche Skifahrer. Pisten, die anderswo rot markiert wären, weist der Arlberger Pistenplan als leicht aus. Und wer aus den Sesselliften hinunter schaut, entdeckt viele verdammt gute Skifahrer. Kein Wunder, schließlich hat der österreichische Skiverband seine Akademie in St. Christoph und bildet hier seine besten Skilehrer aus.

St. Christoph und Zürs sind perfekt für alle, die aus dem Bett direkt auf die Piste fallen wollen. Die beiden hoch liegenden Dörfer bieten Ski in-Ski out wie in den feinsten Skiresorts Nordamerikas wie Beaver Creek, Aspen, Telluride oder Whistler. Dank der Höhe von 1800 Metern in St. Christoph und 1716 Metern in Zürs sind hier die Schneebedingungen auch zu Beginn der Saison und bis in den Frühling hinein optimal. Matschige Talabfahrten und weiße Bänder durch grüne Landschaften kennt man hier oben nicht.

Perfekte Ergänzung

 

Dafür aber ist auch nicht so viel los wie in St. Anton, wo man einen Schaufensterbummel machen oder die wöchentliche Ski-Show im Zielstadion der alpinen Ski-WM 2001 anschauen kann. Anderswo mögen derartige Ski-Shows dilettantische und langweilige Werbeveranstaltungen der örtlichen Skischule sein, St. Anton dagegen bietet ein unterhaltsames und informatives Spektakel über die Geschichte des Skisports am Arlberg.

Der ist so bunt und facettenreich, weil die fünf Ski-Orte rund um den 2811 Meter hohen Valluga-Gipfel alle ihren ureigenen Charakter haben und sich perfekt ergänzen. St. Anton ist das Paradies für Wintersportler, die genauso wild feiern wollen, wie sie Ski fahren. St. Christoph und Zürs sind ideale Orte für Sportler und Genießer, denen ein einsamer Spaziergang im Schnee unterm Sternenhimmel lieber ist als ein Schaufenster-Bummel. Stuben wiederum ist das ursprünglichste und auch günstigste Dörfchen für Familien, während sich das feine Lech als das Juwel des Arlbergs präsentiert.

Das längste Skirennen der Welt

 

Wer über den Flexenpass durch Zürs ins Lecher Tal fährt, wird von dem Bilderbuch-Panorama überwältigt: Zu Füßen des imposanten Omeshorns reihen sich schneebedeckte Häuser rund um den Kirchturm entlang der Hauptstraße und des Flüsschens Lech. 200 Meter links oberhalb liegen die Hotels von Oberlech auf einem Sonnenplateau, umgeben von Pisten und Liften, die hier bis auf das 2377 Meter hohe Zuger Hochlicht reichen. Rechts vom Ort geht’s hinauf zum fast ebenso hohen Rüffikopf, von wo man über den Hexenboden bis nach Zürs gelangt. Von dort können Skifahrer über das Madloch-Joch und Zug im Kreis zurück nach Lech fahren.

Lässt man es gemütlich angehen, dauert die schon seit über 50 Jahren befahrbare Runde ein paar Stündchen. Beim Rennen Der Weiße Ring brauchen die Schnellsten gerade mal eine Dreiviertelstunde für die Tour rund um Lech. Mit 22 Kilometern ist Der Weiße Ring das längste Skirennen der Welt. 2006 wurde es erstmals ausgetragen. Mittlerweile gehen rund 1000 Teilnehmer an den Start des Rennens. Genauso spektakulär ist der Weiße Rausch, bei dem sich auf der anderen Seite des Arlberg-Skigebiets Jahr für Jahr hunderte Profis und Hobby-Skifahrer nach einem Massenstart auf der Valluga die neun Kilometer lange Talabfahrt bis St. Anton hinunterstürzen.

Spa für Genießer

 

So extrem geht es in Lech normalerweise aber nicht zu. Auf dem Sonnenplateau tummeln sich die Genuss-Skifahrer, die im Gourmet-Restaurant Goldener Berg in Oberlech eine ausgiebige Mittagspause machen, nach dem gepflegten Après-Ski nochmal bei den Nobel-Boutiquen und Juwelieren vorbeischlendern und sich dann erst mal ins Spa zurückziehen. Das schönste hat jüngst das Lecher Traditionshaus Post eröffnet. Das Luxushotel, in dem das niederländische Königshaus regelmäßiger Gast ist, hat den ersten Außen-Pool in Lech gebaut. Bläuliches Unterwasser-Licht verleiht dem dampfenden Pool gerade bei Schneefall eine mystische Atmosphäre.

Mit dem neuen Pool und Spa ist der Familie Moosbrugger ein großer Wurf gelungen. Ihr Gourmet-Restaurant Poststuben gehört für Feinschmecker schon seit Jahren zu den ersten Adressen in Lech, das mehr Top-Restaurants zu bieten hat als so manche Metropole. Den Luxushotels und Nobel-Restaurants entsprechend sind dann auch die Gäste in Lech. Wer den Sommer auf Sylt verbringt, wedelt im Winter gerne in Lech die Pisten hinunter, am liebsten sogar noch beim Heliski.

Freeride-Profi aus Lech

 

Trotz des Jet Sets hat aber auch Lech sein dörfliches Flair, seinen bodenständigen Charakter und vor allem seine sportliche Note bewahrt. Das Wichtigste für die meisten Wintergäste in Lech ist immer noch das Skifahren. Auch wenn sie es bei weitem nicht so extrem treiben wie Lorraine Huber. Die Lecherin hat sich als Freeride-Profi in die Weltspitze vorgearbeitet und es auch schon zu Auftritten in den legendären Warren Miller-Filmen gebracht. „Meine Lieblingsrouten sind am Trittkopf und rund um das Omeshorn“, verrät Lorraine.

Am Arlberg bietet sie Freeride-Seminare an. Das Women Freeride & Yoga Camp ist speziell für Frauen und richtet sich nicht nur an Cracks, sondern auch an Einsteigerinnen, die sich vielleicht auf ihren ersten Heliskiing-Trip nach Kanada vorbereiten.