Ski USA

Das große Ski- & Snowboard-Magazin für USA-Fans

Xavier De Le Rue über die FWT, „Degrees North“ und sein nächstes Projekt

Text: Brigita Krieger

Xavier De Le Rue ist einer der ganz Großen der Freeride-Szene. Im Exklusiv-Interview mit Ski Kanada und Ski USA erzählte der Franzose von seiner unstillbaren Lust auf Wettkämpfe, die „Degrees North“-Expeditionen und sein nächstes, ganz privates Filmprojekt.

Xavier, kaum ist das Finale der Freeride World Tour (FWT) mit dem Xtreme in Verbier zu Ende gegangen, da bist Du schon wieder in Alaska für die letzte Etappe der „Degrees North“-Expedition. Was ist  „Degrees North“?
„Degrees North“ ist unser nächstes Projekt, unser nächster Film, der im Herbst rauskommt. Ein Teil spielt in Alaska, das wir auf einem ganz neuen Weg entdecken. Es ist ja schon seit 25 Jahren das Mekka für Freeriding. Aber jeder wählt den gleichen Zugang: Mit dem Helikopter oder dem Flugzeug geht es in die Berge, immer zu den gleichen Plätzen. Ich habe schon immer davon geträumt, die Hänge mal vom Meer aus anzusteuern und mit einem Boot umherzureisen, von dort aus die Abfahrten auszusuchen und einige großartige Lines zu fahren. Vor dem Xtreme in Verbier waren wir schon mal in Alaska. Wir haben eine Woche auf dem Boot verbracht, haben uns verschiedene Sachen angeschaut und getestet und dabei einige hervorragende Stellen weit oben gefunden. Die werden wir nun angehen.

Freeride-Star Xavier De Le Rue liebt auch den Aufstieg

 

Du bist auf einem Boot und schaust Dir die Hänge von unten an und entscheidest, welche Lines Du fahren kannst – wie ist das möglich?
Eigentlich geht das sehr gut. In den Alpen zum Beispiel brauchst Du einen Lift, um nach oben zu kommen. Von dort, wo Du aussteigst, fährst Du auch wieder hinunter. Du hast also keine große Wahl. Aber mit einem Boot kannst Du einfach fahren, wohin Du willst. Du reist herum und suchst Dir die Lines aus. Das ist perfekt.

Aber Du musst aufsteigen oder gar hochklettern …
Ja, das stimmt. Aber das ist einfach. Kein Vergleich zu 3.000 oder sogar 6.000 Meter hohen Bergen anderswo. Das macht einen großen Unterscheid. Ich finde, das macht einen Teil der Schönheit dieses Erlebnisses aus. Der erste Tag tut vielleicht ein bisschen weh, aber man gewöhnt sich dran.

Freeride-Star Xavier De Le Rue: „Es gibt immer Gefahren“

 

Was war denn bisher das Faszinierendste während Eurer bisherigen Expedition für „Degrees North“?
Den ersten Teil haben wir in Spitzbergen gedreht. Wir sind acht Stunden lang auf Skidoos mit den Einheimischen aus herumgefahren. Die haben uns dann mitten im Nirgendwo auf einem Gletscher abgesetzt, 200 Kilometer entfernt von der nächsten Stadt, mit Temperaturen bis zu minus 30 Grad Celsius. Wir hatten die kompletten 24 Stunden lang Tageslicht. Dieses echte Arktis-Erlebnis am eigenen Leib zu spüren war unglaublich. Aber ich glaube, das Beste liegt noch vor uns.

Gab es auf den Expeditionen gefährliche Situationen, die Dir wirklich Angst eingejagt haben?
Es gibt immer Gefahren. In Spitzbergen muss man zum Beispiel auf die Eisbären aufpassen. Und natürlich bist Du so weit weg von allem, dass es im Fall einer Verletzung wirklich schwierig wird, Hilfe zu holen. Das ist die eine Sache. Andererseits gibt es natürlich die „klassischen“ Gefahren wie Lawinen. Du begibst Dich in fremde Gebiete, wo der Schnee gefährlich sein kann. Doch wir sind natürlich immer sehr vorsichtig.

In Verbier hast Du am Xtreme-Wettkampf teilgenommen. Ist das wichtig für Dich, damit Du Dich als Athlet für Deine Partner wie North Face präsentierst, oder treibt Dich da immer noch das Wettkämfergen?
Ich glaube, auf meine Karriere hat das keine Auswirkungen. Aber für mich persönlich ist das sehr wichtig. Das ist mein Tritt in den Hintern – entschuldige die Ausdrucksweise. Hier hat man einige der besten Fahrer an einem Ort, alle haben die gleichen Voraussetzungen. Man muss hier wirklich gewinnen wollen und etwas Außergewöhnliches leisten. Das ist eine tolle Motivation, um sich selbst anzutreiben. Pro Saison nehme ich an einem Wettbewerb teil, dem weltweit größten, und das ist wirklich herausfordernd für mich. So zeige ich mir selbst: Ok, Du bist noch da, Deine Fähigkeiten sind noch immer stark. Mein Ziel ist es, mich immer wieder auf dieses Level zu bringen. Sonst dreht man einfach nur Filme am Ende der Welt und die Jahre vergehen.

Also ist der Vergleich mit anderen, etwa bei einem Wettbewerb, immer noch wichtig für Dich?
Es ist anstrengend, es ist herausfordernd, und ganz ehrlich: In dem einen Moment würde ich lieber mit den anderen Leuten ein paar Bier trinken und Spaß haben. Aber dann bin ich glücklich, wenn ich in den Hang fahre und mich selbst pushe.

Freeride-Wetbewerbe und Rennen sind völlig unterschiedlich

 

Gibt es Deiner Meinung nach einen großen Unterschied zwischen Freeride-Wettbewerben und Rennen?
Oh, ich denke, der Unterschied ist riesig. Schon allein deshalb, weil die natürlichen Gegebenheiten bei Freeride-Wettbewerben total anders sind und sich ständig ändern. Hier ist das Risiko höher. Es geht nicht darum, nur schnell zu sein und Dich bis zum Äußersten zu treiben, sondern darum, eine gute Leistung abzurufen, auch kreativ zu sein. Du versuchst, Dich an eine äußerst gefährliche Umgebung anzupassen und daraus etwas wirklich Schönes zu machen.

Lines werden genauestens studiert

 

Wenn wir „normalen“ Skifahrer und Boarder Dir zuschauen, sieht das für uns aus, als wärst Du durchgedreht. Setzt Du Dich wirklich so großen Risiken aus, oder ist alles genau kalkuliert?
Man kann nicht einfach mit der Einstellung „Was passiert, passiert eben“ losfahren. Alles ist genau berechnet. Wir verbringen immer zwei Tag damit, die Lines genau anzuschauen. Wir kennen jede Abfahrt, jeden einzelnen Stein.

Vor einem Rennen gehen die Fahrer im Kopf noch einmal genau den Kurs durch. Ist das bei Dir genauso? Weißt Du genau, wo entlang Du fahren wirst, und wiederholst Du die Strecke in Deinem Kopf?
Als Skifahrer oder Snowboarder im Rennsport trainierst du Deine Bewegungen über Monate und Monate. Du wiederholst sie und verinnerlichst sie mehr oder weniger. Bei uns ist es eher so, dass wir die Gegebenheiten genau studieren. Dabei geht es nicht nur um Bewegungsabläufe. Natürlich sind die auch wichtig, aber sie sind nur die Hälfte des Problems …

Zur Zeit genießt Du das Beste aus beiden Welten: Du fährst bei der FWT mit, gehst auf Expeditionen und drehst Filme. Von welchen Projekten träumst Du noch?
Ich will einen eigenen Film ohne großes Team und ohne großen Aufwand machen. Also nur ich allein mit der Kamera – allein in der Natur. Ganz direkt und unmittelbar. Das wird mein nächstes Projekt sein. Darauf freue ich mich schon.

Zur Person:

Xavier De Le Rue ist einer der Superstars der Freeride-Szene. Vor seiner Freeride-Karriere wurde er zweimal Weltmeister im Snowboardcross. 2003 in Kreischberg und 2007 in Arosa holte der am 1. Juli 1979 geborene Franzose Gold. Bei den Olympischen Spielen 2006 in Turin wurde er 18. 2010 in Vancouver belegte er Rang 19. Seit seinem Rückzug aus dem Rennsport fährt der The North Face-Athlet Freeride-Competions wie die Freeride World Tour (FWT), dreht Filme und begibt sich auf außergewöhnliche Expeditionen.