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Heavenly: Wo Kaliforniens Beachboys ihr Surfboard gegen Ski tauschen

Text: Bernhard Krieger

Wer denkt bei Kalifornien schon an Skifahren? Metropolen wie San Francisco und Los Angeles, Weine aus dem Napa Valley, exzentrische Hollywood-Stars, Beachbeauties und surfende Beachboys haben Amerikas Sonnenstaat an der Westküste berühmt gemacht. Von seinen Skibergen haben aber nur die wenigsten gehört. Dabei hat Kalifornien eines der faszinierendsten Skigebiete der Welt: Heavenly am Lake Tahoe.

„Ist das nicht unglaublich?“, fragt Brian und schaut mit seinen weit aufgerissenen blauen Augen hinunter ins Tal. Er war schon dutzende Male hier oben auf dem höchsten Punkt des Skigebiets von Heavenly, aber das Panorama überwältigt ihn immer wieder: Im Osten zerfließt die Wüste von Nevada im Dunst, im Nordwesten schimmert der von weißen Gipfeln eingefasste Lake Tahoe in Grün- und Blautönen.

„Kein anderes Skigebiet auf der Welt bietet solche Kontraste“, meint der Blondschopf. Ein Skigebiet zwischen Wüste und Bergen und das Ganze nur ein paar hundert Meilen vom Pazifik entfernt. Gestern noch war Brian vor San Francisco Wellenreiten. In aller Frühe hat er sich dann ins Auto gesetzt und ist knapp vier Stunden zum Lake Tahoe in den Schnee gefahren – für amerikanische Verhältnisse ein Katzensprung.

Auch wir waren gestern noch in San Francisco. Mit einem elfstündigen Flug in den Knochen sollte niemand gleich auf die Bretter oder das Snowboard steigen. Zwei Tage in San Francisco haben gereicht für eine Bootstour zur Golden Gate Bridge und zur legendären Gefängnisinsel Alcatraz, einen Abstecher mit den Cable Cars zur berühmten Fishermans Wharf und für eine kulinarischen Weltreise in den Markthallen des Ferry Buildings.

Nach einem kurzen Flug nach Reno und der zweistündigen Fahrt vorbei an den Resorts von Northstar und Squaw Valley stehen wir nun gemeinsam mit Brian in Heavenly am Einstieg der Milkyway-Bowl. Lässig kurvt der Kalifornier durch den Pulverschnee, als reite er eine Pazifik-Welle ab. Obwohl wir so nah am Ozean sind, ist der Schnee erstaunlich trocken und damit leicht zu fahren. Der sanft geschwungene Hang ist ein purer Genuss – die rasante Geländeabfahrt danach in der dicht bewaldeten Killebrew-Schlucht dagegen eine echte Herausforderung.

Mit seinen 29 Liften und 95 Abfahrten ist Heavenly ein Skigebiet voller Gegensätze: bucklige Steilhänge wie The Face wechseln ab mit kilometerlangen Genussabfahrten, auf die im Jahresdurchschnitt immerhin rund sieben Meter Schnee rieseln. Das feine Bergrestaurant in der Lakeview Lodge lockt die Gourmets, der stets umlagerte Burger-Grill vor der East Peak Lodge die Locals.

Szene-Treff für Freerider

In dieser windgeschützten Mulde trifft sich Heavenlys exzentrische Freerider-Szene: Braungebrannte Typen diskutieren mit lässig am Ellenbogen baumelnden Helmen über ihre neusten Tiefschnee-Ski. Eine Snowboarderin schält sich aus ihrer Jacke und sonnt sich in ihrem mit Rüsche und Spitze verzierten Top, das eher an ein Korsett als an einen Rückenprotektor erinnert. Ski-Klamotten müssen im gar nicht prüden Flower Power-Staat eben nicht nur funktional, sondern auch sexy sein.

Aus den Lautsprechern der East Peak Lodge schallt eine Mischung aus Rock & Roll und Country-Musik. Aber die Lautstärke bleibt genauso moderat wie der Alkoholkonsum. Auch beim Après-Ski im Fire & Ice an der Talstation der Gondel Bar geht es gesittet zu. Wer wilde Hüttengaudi sucht, ist in Heavenly fehl am Platz.

Provinznest versus Zockerparadies

Alpine Romantik sucht man auch in dem auf der Staatengrenze zwischen Kalifornien und Nevada liegenden Ort South Lake Tahoe am Fuße des 3068 Meter hohen Heavenly-Bergs vergeblich: Die kalifornische Seite versprüht den spröden Charme eines verschlafenen Provinznests. Auf der Nevada-Seite dagegen blinken, rattern und klirren in sechs riesigen Spielcasinos mehr als 3000 Spielautomaten rund um die Uhr. Über 400 Spieltische locken die Zocker.

Statt ihr Glück am Roulettetisch zu versuchen, sollten Ski-Urlauber ihr Geld lieber für einen Abstecher zu den kleineren Ski-Orten am nördlichen Lake Tahoe sparen. Squaw Valley lockt die Könner. Der Ort der Olympischen Winterspiele 1960 wirkt im Vergleich zum schillernden Heavenly zwar ein wenig angestaubt, dafür bietet er aber grandiose Geländeabfahrten. Genussskifahrer sind am besten in Northstar aufgehoben. Wenn es am Lake Tahoe mal wieder richtig heftig schneit, ist das jüngste der Tahoe-Skigebiete mit seinem familienfreundlichen Ski-Dorf auch Brians Geheimtipp: „Hier gehen viele Pisten durch die Wälder. Das erleichtert  die Sicht, wenn es schneit.“

Sein Lieblingsrevier aber bleibt Heavenly. „Das ist größer und abwechslungsreicher als alle anderen“, sagt Brian. Und dann zieht er bei unserer letzten Liftfahrt in Heavenly mit seinem Skistock einen großen Bogen vom See über die Berggipfel bis hinüber zu den Ausläufern der Wüste und flüstert uns geradezu ehrfürchtig zu: „Ist das nicht unglaublich?!“

Name Heavenly
Provinz/Bundesstaat Kalifornien/Nevada
Mountain Range Heavenly
Zielflughafen Reno Int. Airport
Transferzeiten 1,5 bis 2 h