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Let’s ski the fish! Whitefish!

Text: >Bernhard Krieger

Whitefish? Noch nie gehört? Kein Wunder. Selbst in den USA ist das Skigebiet im Norden von Montana immer noch ein Geheimtipp. Dabei ist das Skistädtchen im Cowboyland an der Grenze zu Kanada allemal einen Besuch wert. Der Skiberg ist nämlich grandios und manchmal auch msystisch.

Ist das ein Bär? Oder ein Yeti? Oder doch eine Hexe? Die weißen Riesen haben Tausende Gesichter und Hunderte Gestalten. Geheimnisvoll stehen sie da vor einem stahlblauen Himmel, starr wie von Zuckerguss überzogen. Unter den mystischen Gestalten verbergen sich Bäume, die von Schneemassen förmlich einbetoniert wurden. „Snowghosts“, nennen die Amerikaner die weißen Schneeriesen, die für Whitefish zu einem Wahrzeichen geworden sind.

Whitefish Mountain Resort: Schneegeister, Treeskiing und grandiose Hänge

Whitefish Treeskiing c Bernhard KriegerDer Gipfel des Whitefish Mountain sieht aus wie ein gigantischer Skulpturen-Park. Vor allem Europäer sind fasziniert von den Schneegeistern. „Aber Vorsicht – Snowghosts sind nicht ungefährlich“, warnt Riley Polumbus. Riley ist leidenschaftliche Skifahrerin. Dass sie jeden der Schneegeister persönlich kennt, glauben wir gerne auf unserer Erkundungstour mit ihr auf dem Whitefish Mountain. „Im Kern sind die Geister ganz sanfte Wesen und sie verfolgen einen auch nicht“, erzählt Riley schmunzelnd, „das Problem ist ihre harte Schale“. Die Schneekruste ist hart wie Beton und wiegt bis zu einer Tonne. „Weil die Snowghosts so knuffig aussehen, touchieren Skifahrer und Snowboarder sie immer mal wieder beim Vorbeifahren“, erzählt Riley. Im günstigsten Fall gibt’s blaue Flecken.

Mit respektablem Abstand zu den Geistern stürzen wir uns hinter Riley gleich vom Gipfel des Big Mountain Express-Sessellifts die schwarze Black Bear-Abfahrt hinunter. Rechts und links der präparierten Pisten tauchen wir in die lichten Wälder ein. Auch Tage nach dem letzten Schneefall ist der Schnee hier noch pulvrig leicht. Die Kristalle des aufstaubenden Powders funkeln im Sonnenlicht. An so einen Tag muss der ehemalige Chef des Whitefish Skiresorts Norm Kurtz wohl gedacht haben, als er sagte: „Mehr Spaß als beim Skifahren in Montana, kannst Du angezogen nicht haben!“

Ob Kurtz damit Recht hat, dass Skifahren hier so gut wie Sex ist, sei dahingestellt. Whitefish beschert Skifahrern und Snowboardern jedenfalls in der Tat wahre Glücksgefühle. Das Fahren im Wald, das die Nordamerikaner Treeskiing nennen, ist grandios. Auf der North Side des Berges finden Treeskiing-Einsteiger unzählige Waldstücke mit sanftem Gefälle und weit auseinander stehenden Bäumen. Experten wechseln unterhalb des Summit House in die North Face Bowl, in der einige der wenigen extrem schweren Geländeabfahrten warten, die in den USA und Kanada mit zwei schwarzen Rauten markiert werden.

Diese sogenannten Double Black Diamond-Runs machen laut Pistenplan nur sechs Prozent des Skigebiets in Whitefish aus. Davon aber sollte man sich nicht täuschen lassen. Whitefish liegt schließlich in Montana und Montana ist Cowboyland. „Und Cowboys sind nicht zimperlich“, meint Riley. Was in Whitefish „nur“ als schwer eingruppiert ist, wäre anderswo locker in der schwierigsten Kategorie gelandet.

Whitefish Panorama c Bernhard KriegerWhitefish hat zwar keine atemberaubenden Mutproben wie Jackson Holes Corbet’s Colouir im Nachbarstaat Wyoming oder den Delirium Dive im kanadischen Sunshine Village, dafür aber jede Menge Runs, die auch Top-Fahrer herausfordern. Das „Hellroaring-Basin“ auf der Westseite des Gipfels trägt seinen Namen nicht von ungefähr. Im „Tal des Höllen-Getöses“ sind die Picture Shutes für Ski-Normalos höllisch schwer, aber für Könner einfach himmlisch. Wer das von Bäumen und Felsen durchsetzte Gelände heil überstanden hat, kann dem Herrn danken. Und zwar gleich nach der Rückkehr aus der Hölle mit dem Hellroaring-Lift auf der Vorderseite des Bergs. Dort steht mitten auf der Piste ein große Jesus-Statue mit ausgebreiteten Armen.

Amerikanische Gebirgsjäger haben im zweiten Weltkrieg solche Statuen in den Alpen gesehen und daraufhin eine zu Ehren ihrer gefallenen Kameraden in Whitefish aufgestellt“, erklärt Riley. Der Jesus von Whitefish steht mitten auf der Hellroaring-Abfahrt hinunter ins Ski-Dorf. „Leider aber an einer so verlockenden Stelle, dass Snowboarder immer wieder über ihn drüber gesprungen sind“, berichtet Riley. Irgendwann war eine Hand ab, die Jesus-Statue wurde zum Schutz vor Boardern eingezäunt.

Gefährlicher als unbegabte Boarder sind für den Jesus von Whitefish allerdings die „Free from Religion“-Aktivisten aus Wisconsin. Sie fordern vor dem Obersten Gericht der Vereinigten Staaten die Entfernung des Jesus aus dem staatlichen Wald, in dem sich das Skigebiet von Whitefish befindet.

Whitefish Jesus c Bernhard KriegerReligion ist eine heikle Sache in den USA. Als die Ski-Pioniere in Whitefish ihr Resort eins Hellroaring nennen wollten, protestierten Kirchen gegen den höllischen Namen. So einigte man sich auf Big Mountain. Das aber gab Ärger mit Montanas größtem Skigebiet Big Sky. „Immer wieder kam es zu Verwechslungen. Gäste, die nach Big Sky wollten, landeten am Big Mountain und umgekehrt“, erzählt Riley. Dummerweise liegen die Resorts mehr als sechs Autostunden auseinander. 2007 wurde der Big Mountain schließlich in Whitefish Mountain Resort umbenannt, das die Einheimischen einfach „The Fish“ nennen.

Whitefish hat sich mittlerweile in den USA und Kanada einen Namen gemacht, ist aber verglichen mit den berühmten US-Top-Resorts Aspen, Jackson Hole, Park City, Telluride und Vail aber nach wie vor ein Geheimtipp. Whitefish hat zwar mittlerweile eine schmucke Base Lodge mit Bar und Restaurant im Tal und das Restaurant des Summit House auf dem Gipfel komplett renoviert, mit dem perfektionierten Service der Resort-Giganten kann es aber nicht mithalten.

Gott sei Dank“, sagen viele Einheimische und Stammgäste. Whitefish hat seine Seele bewahrt. Statt Hightech-Liften und Nobel-Hütten punktet es mit einem abwechslungsreichen Skigebiet, einem authentischen Ski-Städtchen im Tal und einem rustikalen Western-Charme auf dem Berg. Dieses spezielle Whitefish-Flair wird nirgendwo so greifbar wie in der „Bierstube“.

Der legendäre Après Ski-Schuppen im Ski Village ist eine Art Scheune mit Bar. Auf einem von Bier getränkten und von Skischuhen malträtierten Holzboden verteilen sich wild zusammengewürfelte Tische, Stühle und Sofas. Der Laden ist jeden Nachmittag gut besucht und Mittwochs rappelvoll. Dann wird der „Frabert“ verliehen. „Frabert“ ist ein Stoff-Affe mit einem eingegipsten Bein und der Preis für den „Idioten der Woche“. Gekürt wird der seit Jahrzehnten von der Ski Patrol.

Great Northern Powder Guides Whitefish Bierstube c Bernhard KriegerWem das Missgeschick der Woche passiert ist, muss Mittwochs in der „Bierstube“ den „Frabert“ entgegennehmen, ein großes Bier auf ex trinken und eine Runde schmeißen. „Einmal erwischte es einen jungen Ski Patroler, dessen Snowboard den Berg hinunter schoss und durch die Fensterscheibe eines Restaurants krachte“, erinnert sich Riley. Auch der Chef des Skiresorts bekam einmal den „Frabert“. „Im Sessellift war er beim Plaudern mit einem Sitznachbarn so abgelenkt, dass er nicht rechtzeitig aufgestanden ist und vom Sessel ausgenockt wurde“, erzählt Riley. Der Boss nahm es sportlich, kam in die Bierstube und nahm den „Frabert“ entgegen. Man stelle sich vor der CEO der Vail-Resorts würde von seinen Angestellten als „Idiot der Woche“ ausgezeichnet.

In Whitefish geht so was. Dort haben sie keine Angst vor ihrem Boss, wohl aber vor dem berüchtigten Nebel. Sehr oft ist der Whitefish-Mountain in Nebelschwaden eingehüllt. 2877 Meter hoch erhebt er sich aus der Prärie. Die Base Lodge des Skigebiets ist 1360 Meter, die Stadt Whitefish 923 Meter hoch. An sonnigen Tagen bietet sich vom Gipfel aus ein atemberaubendes Panorama. Auf der einen Seite reihen sich die Berggipfel des Glacier Nationalparks aneinander, auf der anderen Seite erstrecken sich hinter Whitefish und dem gleichnamigen See unendlich weite Rinderweiden.

Dass Whitefish so häufig im Nebel verschwindet, ist natürlich schlecht fürs Geschäft. Viele Jahre lang war den lokalen Wetterbericht-Schreibern deshalb das Wort „Nebel“ schlicht verboten. Sie sollten es möglichst geschickt umschreiben, wie der frühere „Bierstube“-Betreiber Garry Elliott, der einem orientierungslosen Urlauber erklärte: „Das ist kein Nebel, das ist nur schwaches Licht.“

Im Nebel sind wunderbare Highspeed-Carving-Pisten tabu wie Inspiration oder Moe-Mentum, die man dem in Whitefish aufgewachsenen Olympiasieger Tommy Moe gewidmet hat. Viele Abfahrten in den Wäldern sind aber auch im dichtesten Nebel noch gut zu fahren. „Und wenn mal gar nichts mehr geht, ziehen wir einfach den Après Ski vor“, meint Riley gelassen. Dreimal pro Woche bietet das Nightskiing unter Flutlicht eine zweite Chance auf ein paar Schwünge.

Sieht man da auch nichts, wartet genug Abwechslung im Tal. Whitefish ist ein relativ großes Städtchen mit vielen Restaurants, Bars und gleich mehreren lokalen Brauereien. Die kleinste heißt sinnigerweise Bonsai. Montanas Gesetz erlaubt dort nur drei Bier pro Nase. Ein Glück, dass es mit der Great Northern Brewing Company eine Alternative für den weiteren Abend gibt. Dort trinken wir mit Riley ein „Good Medicine“ – ein kräftig-würziges Bier, das seinen Namen völlig zurecht trägt.

FB Great Northern Powder GuidesWährend wir noch von der rassigen Little Bavaria-Abfahrt und den entspannten Cruising-Pisten auf der North Side schwärmen, stimmt uns Riley schon auf den nächsten Tag ein: Catskiing mit Great Northern Powder Guides knapp eine halbe Stunde nördlich von Whitefish. Ungefähr auf halber Strecke zwischen Whitefish und der kanadischen Grenze startet Great Northern direkt vom Highway aus mit seinen Pistenraupen hinauf in die Berge.

Bei Neuschnee und tiefen Temperaturen sind die unpräparierten Geländeabfahrten dort Genuss pur. Wird es wärmer, taut der Schnee in unteren Lagen allerdings an und friert über Nacht. Die erste und letzte Abfahrt in niedriger Höhe kann dann zum gefährlichen Herumeiern auf Betonschnee werden.

Bleibt der Schnee länger aus, sind nur die höheren Nordlagen schön zu fahren. Zum Glück aber rieseln auf Whitefish und das rund 46 Quadratkilometer große Catskiing-Areal von Great Northern durchschnittlich rund 7,60 Meter Schnee pro Jahr. Das garantiert jede Menge Spaß, den die Jungs von Great Northern noch mit einem gemütlichen Barbecue vor einer beheizbaren Jurte mitten auf dem Berg steigern. Gestärkt mit frisch gegrillten Burgern reißen wir bis zum Nachmittag neun Abfahrten mit insgesamt knapp 3500 Höhenmeter runter, bevor wir uns von Montanas Schneegeistern verabschieden.

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