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Silverton Mountain: Nordamerikas verrücktestes Skigebiet

Text: Brigita Krieger

Rauf hilft Viagra, runter nur beten! Silverton ist echt crazy. In dem Cowboy-Städtchen im Süden Colorados gibt es nur einen uralten Lift, aber keine einzige präparierte Piste. Unter Freeridern genießt Silverton in Nordamerika dennoch einen legendären Ruf.

„I have survived“, steht an der Pinnwand des Triangle Motels von Silverton. Der Spruch ist dahin gekritzelt, als hätte jemandem noch die Hand gezittert. Neben dem glücklichen Überlebenden hat sich ein zweiter Gast verewigt: „All I have to say: Holy shit!“ „Haben die Leute da nicht ein bisschen übertrieben?“, frage ich die Frau in dem winzigen Frühstücksraum, der zugleich auch Büro und Rezeption des Motels ist. Sie schmunzelt nur und lässt mich mit meinem dünnen Kaffee und dem dicken Toastbrot allein.

Silverton Mountain – Steep and deep

In den USA genießt der Silverton Mountain einen legendären Ruf: „Steep and deep“ sei das Skifahren im Südwesten Colorados, rund zwei Stunden vom bekannten Skiresort Telluride entfernt. Mehr als zehn Meter Schnee pro Jahr verwandeln die extrem steilen und naturbelassenen Hänge des Bergs an Powderdays in ein Tiefschneeparadies für Könner und bei wechselnden Schneebedingungen in eine Hölle für alle, die sich überschätzen. „Heute Abend werde ich wissen, zu welcher Kategorie ich gehöre“, denke ich, während ich über die menschenleere Main Street fahre. Knapp zehn Minuten dauert die Fahrt über eine kurvige Bergstraße zur Talstation. Die ersten Sonnenstrahlen wecken die schneebedeckten San Juan Mountains westlich von Aspen. Die minus 20 Grad Celsius kalte Luft ist kristallklar, sodass sich jeder Gipfel in scharfen Konturen vom tiefblauen Himmel abhebt. Seit Tagen hat es nicht mehr geschneit. Zudem haben heftige Winde in den Höhenlagen den trockenen Pulverschnee verfrachtet und zum Teil verkrustet.

Silverton – großes Abenteuer

Das kann ja heiter werden! Schließlich versuche ich mich heute im schwierigsten per Lift erreichbaren Skigebiet Nordamerikas. Es gibt keine präparierten Pisten und keine Markierungen. Skifahren in Silverton ist eine Mischung aus Resort-Skifahren, Heliskiing und Tourengehen. Man fährt vom Gipfel bis ins Tal und muss dabei, je nach Wetter und Schneelage, alles meistern – vom Tiefschnee bis zu Eisplatten und Bruchharsch, von weiten Steilhängen über enge Couloirs bis hin zu dichten Wäldern. Geöffnet ist das Gebiet nur von Donnerstag bis Sonntag. Allein darf man nur an ausgewählten Tagen hinauf. Normalerweise werden die Ski-Verrückten in Gruppen von maximal acht Personen eingeteilt und mit einem Guide ins größte Abenteuer ihres Skifahrerlebens geschickt.

Silverton – bodenständiges Resort

Und dieses Abenteuer beginnt schon beim Einchecken: Silverton Mountain ist von amerikanischen Luxus-Resorts wie Aspen und Vail so weit entfernt wie Griechenland von einem ausgeglichenen Haushalt. Statt einer noblen Lodge gibt es nur ein kleines Zelt als Talstation. Das ist vollgestopft mit Möbeln vom Sperrmüll: alte Sofas, klapprige Stühle, ein paar schiefe Tische, ein ramponierter Bar-Tresen und ein fleckiger Teppich. Die einen nennen das urig, andere versifft.

Ein kleiner Bollerofen heizt das Zelt – auf mollige minus 15 Grad Celsius. Beim Ausfüllen der in Nordamerika unvermeidlichen Formulare frieren mir fast die Finger ab. Nachdem ich schriftlich auf alle Ansprüche im Falle eines Unfalls verzichtet habe, stapfe ich über eine in den Schnee getretene Treppe zum Skiverleih. Der befindet sich in einem dieser uralten US-Schulbusse. Mehr als zwei Personen gleichzeitig passen in die enge Kiste nicht rein, stehen kann man drinnen auch nicht. Skier und Stöcke liegen wild durcheinander gewirbelt. Die Verleih-Jungs aber beherrschen das Chaos. „Wir haben hier eine perfekte Ordnung und strenge Regeln“, versichern sie mir. Die wichtigste hängt in fetten Lettern über der Tür: „If I sleep with you tonight, it doesn’t mean that I ski with you tomorrow!“

Bis zu 55 Grad Neigung

Mit breiten Allmountain-Ski und Stöcken in der Hand schlittere ich mit den rutschigen Skischuhen die vereiste Treppe hinunter zum Zelt. Gefährlicher kann das Skifahren nicht werden, denke ich noch, als unser Guide mit seinem Safety Briefing loslegt. „Silverton wird anders sein als alles, was ihr bislang gefahren seid“, erklärt Jeff. „Stellt euch die schwerste Abfahrt in eurem Skigebiet zu Hause vor – das wird hier eine der leichteren sein.“ Der Neigungsgrad der Runs liegt zwischen 35 und 55 Grad.

Als Jeff dann auch noch das richtige Verhalten bei einem Lawinenabgang erklärt, schwindet bei einigen in der Gruppe die letzte Farbe aus den ohnehin schon blau gefrorenen Gesichtern. „Die nächste Klinik ist 90 Minuten entfernt, eine Rettungsaktion kann locker mal drei Stunden dauern“, meint Jeff lapidar und ermahnt: „Folgt also auf dem Berg meinen Anweisungen, macht keinen Mist  und wir werden viel Spaß haben!“

„Chair to Heaven“

Mit einem leichten Kribbeln im Magen steige ich in den Zweier-Sessellift. Aaron und Jen Brill, die das außergewöhnlichste Skigebiet Nordamerikas 2002 eröffneten, haben ihn im kalifornischen Mammoth Mountain gekauft und eigenhändig in Silverton aufgebaut. Der Lift aus den 1960er mag uralt sein, die Locals nennen ihn dennoch liebevoll „Chair to Heaven“.

Von 3169 Metern führt er bis auf 3749 Metern. Direkt ab Lift eröffnet sich ein befahrbares Gebiet von 7,36 Quadratkilometern. „Für die meisten Abfahrten müssen wir aber noch aufsteigen“, erklärt Jeff. Fünf bis 50 Minuten dauern die Aufstiege, bis hinauf auf 4111 Metern. Die Luft ist dünn, die Lunge brennt. Einige Gäste bekämen schnell Kopfschmerzen und würden sogar richtig höhenkrank, erzählt Jeff. Zur Vorbeugung empfiehlt die Silverton Mountain-Homepage einige Medikamente, darunter auch Viagra.

Unser erster sanfter Aufstieg dauert nur 20 Minuten, nach wenigen hundert Metern aber bilden sich schon Lücken in unserer Gruppe. Ein etwas korpulenterer Snowboarder aus Boston hat die Höhe unter- und seine Fitness überschätzt. Vielleicht hätte er sich eine Viagra einwerfen oder gleich Silvertons Heli-Service gönnen sollen. 120 Euro kostet ein Flug, 750 Euro ein ganzer Tag mit sechs Abfahrten.

89 Quadratkilometer befahrbar

Jeff stoppt immer wieder und macht dem Bostoner Mut: „Wir haben alle Zeit der Welt“, betont der Guide. Heute sei es sehr voll, aber dennoch seien nur 80 Leute auf dem Berg. Auf insgesamt 89 Quadratkilometern befahrbarer Fläche sei das gar nichts. Nach einer Verschnaufpause tauchen wir auf der ersten Abfahrt in traumhaften Tiefschnee ein. Spielerisch leicht reihen wir einen Schwung an den nächsten, dann wird es enger und immer schwieriger.

Silvertons Hänge sind schwer, sehr schwer und sauschwer. Nicht umsonst tragen sie Namen wie „Nigtmare“(Alptraum) oder „Hells Gate“(Höllen-Tor). Die Steilheit macht mir keine Sorgen, aber die wechselnden Schneebedingungen und Geländeformen fordern mich. Vom Pulver geht es auf Hartschnee, weite Hänge münden in enge Schluchten und Wälder, in denen mir Äste gegen den Helm peitschen und mein ABS-Lawinenrucksack fast hängenbleibt. Weiter unten rutsche ich über ein paar tückische Eisplatten, bevor ich heil im Talboden ankomme.

Gefängnisbus als Taxi

Ein ausrangierter Gefängnisbus erspart uns den langen Fußmarsch zurück zum Lift. Gut eine Stunde hat unsere erste Abfahrt gedauert. Für den übergewichtigen Bostoner war es zugleich die letzte. Nach der dritten Abfahrt und der kurzen Mittagspause im Zelt gibt auch ein Kalifornier auf. „Ich dachte immer, ich könnte überall runterfahren“, meint er kleinlaut.

Silverton können eben nur sehr gute und vor allem fitte Skifahrer genießen. So wie die sechs, die an diesem Nachmittag übrig geblieben sind. Auf dem letzten Aufstieg allerdings pfeife ich auch auf dem letzten Loch. Immerhin haben wir es am Ende auf fünf Abfahrten gebracht. „Das ist guter Durchschnitt“, meint Jeff beim Aprés-Ski im Zelt, das auf die genauso fertigen wie glücklichen Ski-Helden jetzt fast gemütlich wirkt. Fließendes Wasser gibt es immer noch nicht, dafür fließt das Bier in Strömen.

Skirennen für waghalsige Cowboys

Am Abend treffen wir uns in der Montanya Distillers. Am Tresen der schönsten Bar des verschlafenen Kaffs schlürfen wir scharf gemixte Mohitos und essen Hirsch-Enchiladas vom Tapas-Menü. Der Laden platzt aus allen Nähten, weil morgen das Silverton Skijoring ansteht. Die Cowboy-Version des Skijoring ist kein harmloses Rennen wie das in St. Moritz. In Silverton werden waghalsige Skifahrer an einem Lasso hängend von einem galoppierenden Pferd durch einen Hindernis-Parcour gezogen, auf dem sie ausweichen und sogar springen müssen. Das ist nichts für Weicheier, genauso wenig wie ein Skitag am Silverton Mountain.

Allein der Gedanke an gestern lässt meine Oberschenkel wieder krampfen. Bis morgen aber bin ich wieder fit für das nächste Highlight in Silverton: ein Catskiing-Tag mit den Silverton Powder Cats. Nach den Steilhängen des Silverton Mountain sind die Tiefschneehänge auf dem Molas Pass purer Genuss und ein Kinderspiel. Vom Molas Pass schaue ich noch einmal hinüber zum Silverton Mountain. Vor meiner Rückreise über den kühn geschwungenen Red Mountain Pass zum Flughafen Montrose lege ich noch einen kurzen Stopp im Triangle Motel ein. Schließlich muss ich mich nach meinem überstandenen Silverton-Abenteuer noch an der Gäste-Pinnwand verewigen. Die Frau an der Rezeption schmunzelt nur, als ich schreibe: „Holy shit, I have also survived!“

Name Silverton
Provinz/Bundesstaat Colorado
Mountain Range Silverton
Zielflughafen Denver
Transferzeiten 7 h